Das war er: mein wunderschöner Mercedes 500 SEC von 1985. Ich hatte ihn Anfang 2007 als Reisewagen zwischen Stuttgart und München gekauft. Schon damals hatte der Wagen 385.000 Kilometer - aber man sagt ja der 5-Liter-Achtzylinder sei dann gerade mal erst gut eingefahren.
Das Kennenlernen:
Unser Verhältnis begann etwas seltsam... Ich hatte den Wagen auf mobile.de gefunden und mit dem Vorbesitzer (einem Musiker, der den Wagen auf allen deutschen Autobahnen bewegt hatte) einen Termin zur Probefahrt ausgemacht. Ich hatte befreundete Mechaniker dabei, die den Wagen auf Herz und Nieren prüfen sollten bevor ich kaufe, zusätzlich befand sich noch der Besitzer mit im Wagen. Die aufgezogenen Reifen waren alt und unrund, und so fiel die Probefahrt eigentlich eher etwas unbefriedigend aus. Als ich den Wagen wieder in seine Garage lenkte wollte ich eigentlich einfach nur aussteigen und gehen. Nachdem aber der ganze Wagen einstimmig meinte ich solle den Wagen noch rückwärts in seine Parkbucht bewegen, versuchte ich das - und blieb mit dem Heck an einer Wand hängen. Ich fahre seit Jahrzehnten unfallfrei. Und dann ausgerechnet auf einer Probefahrt!
Das erste was ich dem Besitzer sagte war "Machen Sie sich keine Sorgen, wir bekommen die Sache schon geregelt." Das zweite war: "Den vollen Preis können Sie aber jetzt nicht mehr verlangen - der Wagen hat ja einen Lackschaden." Komischerweise fand der Herr das gar nicht witzig. Nachdem ich mir einen Kostenvoranschlag für die Reparatur hatte machen lassen stand mein Entschluß fest: das Geld wollte ich lieber ins eigene Auto stecken. Und so war er mein: der Daimler mit der schmerzhaften Erwerbsgeschichte.
Anfangs hatten wir kein so gutes Verhältnis - schlicht weil ich immer noch nicht sicher war ob der Kauf nicht ein großer Fehler gewesen war. Als ich aber das erste Mal nach München fuhr mit dem Wagen, genoß ich erst den Fahrkomfort auf der Autobahn und dann die irre Laufruhe in der Stadt. Ich war verliebt!
Treu hat er mich auf Autobahnen und Landstraßen durch die Gegend kutschiert - eine echte Luxus-Reiselimousine die damals neu etwa 120.000 DM gekostet hatte. Für den einzigen Ausfall konnte der Wagen selbst nichts: an der Côte d'Azur fiel die (gerade mal 4 Monate alte) Lichtmaschine aus. Daraufhin verbrachte der Daimler den Urlaub in einer lokalen französischen Werkstatt - und wir auf unseren Liegen im Ferienhaus. Vielleicht hat er das sogar mit Absicht gemacht - selten einen so entspannten Urlaub erlebt :-)
Der Abschied: mobile.de und carsale24.de
Nachdem ich im vergangenen Jahr umgezogen war und demzufolge keine weiten Strecken mehr zu fahren hatte, war es leider Zeit sich von diesem Schatz zu trennen. Da ich erst ein Jahr vorher eine Austauschmaschine für über EUR 5.000 hatte einbauen lassen und der Wagen auch ansonsten gut gewartet worden war, wollte ich ihn nicht unter Wert hergeben. Ich inserierte also auf mobile.de für EUR 4.900 und wartete auf die Reaktionen.
Die kamen leider zum allergrößten Teil aus Holland. Anfragen der Art "wie ist Deine letzter Preis?" und "Ich zahle EUR 3000 cash! Gib mir Deiner Telefon." waren leider an der Tagesordnung. Und bewiesen nachträglich, daß ich meinem Instinkt zurecht gefolgt war und keine Telefonnummer inseriert hatte.
Da mir die Holländer langsam gehörig auf den Zeiger gingen und mir ein Kollege von carsale24.de berichtete, beschloß ich das mal auszuprobieren. Das Konzept ist attraktiv und simpel:- Man sagt carsale24.de daß man ein Auto verkaufen möchte (Online-Formular)
- Man vereinbart einen Termin mit einem Gutachter
- Dieser begutachtet den Wagen. macht Fotos und fertigt ein internes Gutachten an
- Dieses Gutachten wird auf carsale24.de eingestellt
- Händler, die Zugriff auf die Plattform haben, geben Gebote ab
- Der Verkäufer (ich) kann sich entscheiden ob er eines der Angebote annehmen will
- Falls ja: wird der Verkauf abgewickelt
- Falls nein: hat man keinerlei Verpflichtungen und kann sein Angebot kostenfrei wieder löschen
Wenn man möchte kann man das Gutachten für EUR 89,- kaufen um es für die weiteren Verkaufsbemühungen zu nutzen.
Das Konzept klang toll (auch weil mit keinerlei Verpflichtungen und Risiken verbunden) und so stellte ich meinen Wagen ein. Der Gutachtertermin fand bei meiner Werkstatt statt, der Herr Gutachter tauchte dort auch vereinbarungsgemäß auf.
Allerdings fing es dort an etwas seltsam zu werden: Trotz mehrfacher Frage ob er nicht eine der Hebebühnen nutzen möchte, zog es der Gutachter vor dies nicht zu tun. Er meinte: es sei besser für mich, wenn er schreiben würde eine Hebebühne sei nicht verfügbar. Dann müsse er Mängel unter dem Fahrzeug gar nicht erst angeben. Bei Reparaturrechnungen gab er an die lägen ihm nicht vor - obwohl er Zugriff auf den ganzen Stapel hatte. Dafür schrieb er in sein Protokoll "Erstzulassung: 1995" - was mal um glatt 10 Jahre daneben lag. Natürlich gab ich diese Fehler auch brav an carsale24 weiter - bin mir aber nicht sicher ob darauf auch reagiert wurde. Mir gegenüber jedenfalls nicht.
Wenige Tage später wurde ich benachrichtigt, daß die Gebotsrunde starte und wartete gespannt auf die Gebote. Am Ende der 2-tägigen Gebotsrunde sah das Bild so aus:
Der Gutachter hatte einen Preis von EUR 500,- für das Fahrzeug "ermittelt" - wohlgemerkt ohne die Hebebühne zu bemühen. Stolz verkündet die Plattform, daß "Gebote bis zu 1000 EUR über dem Wert des unabhängigen Gutachtens liegen". Und weiter "Das sind 200% mehr als erwartet!"
Ich konnte diesen Enthusiasmus nicht teilen...
Mir als Gutachter und Carsale24 würden folgende Fakten zu denken geben:
- schon die ersten Angebote der carsale24-Händler lagen bei über EUR 1.000,-
- das finale Gebot lag bei EUR 1.500,-
Zumal diesen Händlern ja das tolle Gutachten des carsale24-Gutachters vorlag.
Natürlich entschied ich mich auf obigem Bildschirm für "Inserat löschen" - der ermittelte Wert und das finale Angebot waren schlicht inakzeptabel. Kurz danach rief mich auch gleich die freundliche Dame von carsale24 an und äußerte Unverständnis, warum ich denn für dieses tolle Gebot (immerhin EUR 1000,- über "Wert") nicht verkaufen wolle. Der Gutachter habe nämlich eigentlich herausgefunden, daß die notwendigen Reparaturen den Restwert sogar übersteigen würden. Wie er das ohne Blick unter das Fahrzeug herausgefunden hat bleibt allerdings ein Rätsel. Jedenfalls war sie der festen Überzeugung, daß man auf dem Deutschen Markt auf gar keinen Fall einen besseren Preis erzielen könne als die gebotenen 1.500,-
Gut, Holländer sind nicht Deutscher Markt - wobei rätselhaft bleibt warum die problemlos und ungesehen das doppelte boten. Schließlich hat mir mobile.de dann doch noch einen deutschen Interessenten beschert: einen jungen Mann aus Baden-Württemberg, der den Wagen pflegen und bis zu seinem verdienten H-Kennzeichen in 4 Jahren herrichten möchte. Ich gab ihm ausgiebige Gelegenheit zur Probefahrt und ließ ihn auch beim KFZ-Meister seines Vertrauens den Wagen komplett durchchecken. Er fand Mängel und hat sich trotzdem verliebt. Aus diesen zwei Gründen ließ ich im Preis noch nach.
Der final erzielte Preis: EUR 3.900.-
(@carsale24: das sind fast 700% über dem "ermittelten" Wert des Gutachters)
Mein Fazit:
Das Konzept von carsale24 klingt gut, ich wurde auch vom Personal gut betreut. Doch ich schätze das Ergebnis hängt sehr von dem Gutachter ab den man geschickt bekommt. Ich persönlich war sehr unzufrieden mit genau diesem. Und somit auch mit dem Ergebnis.
Wenn ich mir die erzielten Preise auf der Homepage von carsale24.de ansehe, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Plattform eher was für Leute ist, die ihr Auto auf jeden Fall und ohne Mühe losbekommen möchten. Und bei denen der erzielte Preis relativ egal ist. Auf keinen Fall würde ich dort noch einmal einen Klassiker anbieten...